Mein Auslandssemester in Norwich, Großbritannien

Ein Bericht von Christina Brandmair

Da ich vor Abschluss meines Studiums unbedingt mal in’s Ausland wollte, und es sich für Englischstudenten verständlicherweise lohnt nach England zu gehen, habe ich mein 9. Semester an der University of East Anglia (UEA) in Norwich, Großbritannien verbracht. Der ganze Aufenthalt wurde über Erasmus organisiert, ich habe mich am Fachbereich angemeldet, im Frühling die Zusage erhalten und dann in den weiteren Monaten immer mehr Infos zur Uni, zur Kursauswahl, etc. erhalten.

Norwich ist eine mittelgroße Stadt im Osten Englands, in etwa zu vergleichen mit Linz. Sie ist 2 ½ Stunden von London und 30 min vom Meer entfernt und liegt am Rand eines wunderschönen Naturgebiets. Norwich an sich ist eine wunderschöne Stadt mit vielen Kirchen, einem Schloss und Fluss durch die Stadt. Der mittelalterliche Stadtkern ist immer noch erhalten und bietet einen schönen Kontrast zum moderneren Norwich. Großbritanniens größter Freiluftmarkt befindet sich ebenfalls in Norwich. Hier kann man jeden Tag alles finden was man braucht, oder auch nicht braucht. Von Lebensmitteln über Blumen, Musik, Geschenke und Tierspielzeug gibt es hier alles was man sich wünschen kann. Neben dem Market bietet Norwich viele andere Shoppingmöglichkeiten, von den bekannten großen englischen Marken bis zu kleinen Independent Boutiquen und vielen Charity Shops gibt es alles was das Herz begehrt.

Die Nähe zum Meer bietet viele Ausflugsmöglichkeiten, die man auf alle Fälle nutzen sollte. Mit dem Bus ist man äußerst günstig in etwa 30 Minuten am Meer, und Orte wie Blakeney, Cromer und Great Yarmouth sind wunderbare Tagesausflüge. Man kann am Meer entlangspazieren, Fish and Chips genießen, und wenn man Glück hat sogar Robben beobachten.

Cambridge ist ebenfalls nicht weit weg, und in London ist man mit dem Bus in 2 ½ bis 3 Stunden, abhängig von der Verkehrslage.
Allgemein würde ich empfehlen, in England mit dem Bus zu reisen. Megabus und National Express fahren beinahe alle kleineren und großen Städte an und sind in den meisten Fällen viel günstiger als der Zug. Hinzu kommt dass beide Busunternehmen eine Haltestelle direkt am Campus der UEA haben, was Anreise, Abreise und diverse Ausflüge vereinfacht.

Die UEA an sich ist eine Campusuniversität aus den 1960er Jahren. Am Campus findet man alles was man braucht, diverse Cafés, eine Bar/Pub, einen Supermarkt (von Studenten geführt, etwas teurer als ein regulärer Supermarkt wie Tesco), 2 Wäschereien, eine Disco und ein Museum. Es gibt auch einen sehr großen Sports Park mit Fitnessstudio, Schwimmbad und vielen Außenanlagen, die von Studenten verhältnismäßig günstig genutzt werden können.
Die Universitätsgebäude und Studentenwohnheime sind umgeben von 2 großen Parks und einem Teich, praktisch mitten in der Natur. Die Bibliothek der Uni hat 24 Stunden, 7 Tage die Woche geöffnet, was vor allem am Ende des Semesters äußerst hilfreich war.
Die Universität hat einen Schwerpunkt auf Englischer Literatur, Schauspiel und Cultural Studies, ist also für uns Englischstudenten perfekt geeignet. Auch Fachdidaktikkurse sind zu empfehlen, man lernt das britische Schulsystem genauer kennen und ich hatte sogar die Möglichkeit, in eine englische Schule zu gehen und diese genauer kennenzulernen.
Die Semester generell laufen anders ab als in Österreich. Das Herbstsemester beginnt Mitte/Ende September und geht bis Mitte Dezember, 12 Wochen ohne Ferien. Danach gibt es keine Prüfungen, Herbstkurse werden üblicherweise nur mit Seminararbeiten abgeschlossen. Das Sommersemester beginnt Mitte Jänner und dauert bis Anfang Mai, wobei man hier vierwöchige Osterferien hat. Von Anfang Mai bis Anfang Juni ist dann die Prüfungsphase, in der alle Prüfungen absolviert werden, auch von Kursen aus dem Herbstsemester, falls diese mit einer Prüfung abschließen.

Die Seminare und Vorlesungen sind auch anders aufgebaut als in Österreich. In den Seminaren sind maximal 15 Studenten, es gibt keine direkte Anwesenheitspflicht, Studenten müssen während des Semesters sehr viel lesen und mitdiskutieren, die Note ergibt sich aber – zumindest in meinen Kursen war dies der Fall – nur aus der abschließenden Arbeit.

Das Studentenleben an der UEA ist sehr bunt, es gibt hunderte verschiedene Societies und Sportclubs, hier sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Auch ESN (Erasmus Student Network), das Study Abroad Team und das International Office sind sehr aktiv und organisieren viele Events und Ausflüge für die Austauschstudenten. Hier lohnt es sich früh Informationen zu sammeln und sich für die Ausflüge anzumelden, da diese oft ausverkauft sind. Während meines Semesters gab es folgende Ausflugsmöglichkeiten: Tagesausflug nach Cambridge, Tagesausflug in die Harry Potter Studios, Tagesausflug nach London in’s Winter Wonderland im Hydepark, Wochenendausflug nach Bath und Bristol, und einen Wochenendausflug nach Edinburgh.

Zu Beginn des Herbstsemesters gibt es eine Orientation Week, die den Erstsemestrigen und Austauschstudenten viele Möglichkeiten bietet um den Campus, die Stadt, das Universitätssystem und andere Studenten kennenzulernen.

Das größte Problem meines Erasmusaufenthalts war die Unterkunft. Als ich die Zusage der Uni bekam hieß es, dass Erasmusstudenten sich wie normale Studenten für ein Zimmer in den Studentenwohnheimen am Campus bewerben sollen und Ende Juli dann eine Zusage erhalten würden. Anfang August wurde mir dann mitgeteilt dass für Erasmusstudenten kein Platz in den Studentenheimen ist und ich mir selbst eine Wohnung suchen müsse. Dies ist in Norwich an sich kein Problem, es gibt viele Wohnmöglichkeiten für Studenten, und es ist üblich dass Studentengruppen ganze Häuser mieten, in denen man dann ein Zimmer mieten kann. Dies ist natürlich einfacher wenn man früher als 4 Wochen vor der Ankunft zu suchen beginnt.
Ein weiteres Problem sind die Preise. Lebenserhaltungskosten sind in Großbritannien generell höher als bei uns. Vor allem für Miete und Lebensmittel muss man mit höheren Kosten rechnen. In Norwich hat man aber auch die Möglichkeit, in günstigeren Supermärkten einzukaufen. Es gibt einen Morrison’s, einen Roys, beides günstigere Riesensupermärkte, sowie Lidl und Asda (wie Hofer) etwas außerhalb der Stadt.
Man sollte außerdem damit rechnen Bettzeug und Küchenutensilien kaufen zu müssen. Dies kann man alles relativ günstig bei Primark, Wilko und Poundland bekommen, die alle im Stadtzentrum liegen.

Essen gehen und Ausgehen in Norwich macht sehr viel Spaß. Es gibt alle bekannten britischen Restaurantketten, von Jamie Oliver über Gourmet Burger Kitchen bis zu Nando’s. Besonders empfehlenswert ist Biddys Tea Room für einen traditionellen English Afternoon Tea und die Grosvenor Fish Bar für die besten Fish and Chips weit und breit.
Ein besonders beliebtes Studentenlokal ist Waterfront, eine Disco in Norwich die verhältnismäßig billig ist und ausgezeichnete Musik spielt. Nicht zu vergessen ist hier der LCR, die Disco direkt am Campus. Hier werden regelmäßig Mottoparties (verschiedene Kostüme 80er Jahre, 90er Jahre, Boybands, …) veranstaltet, und viele britische und internationale Musikgrößen geben sich hier die Klinke in die Hand. Bands wie The Kooks, Foals, Travis, … spielen regelmäßig hier.

Mein Semester in Norwich ist sehr gut verlaufen, ich habe in den Kursen – auch wenn ich mit Abstand die älteste Studentin war – viel Neues gelernt und vor allem meine Englischkenntnisse verbessern können. Ich würde sofort wieder nach Norwich gehen und kann die UEA nur jedem ans Herz legen. Auch von dem gefürchteten britischen Wetter sollte man sich nicht abschrecken lassen. In meinen fast 4 Monaten in Großbritannien hat es etwa 7 Tage geregnet und es war überhaupt nicht kalt. Es ist also nicht immer regnerisch und grauslich.

 

Generell möchte ich noch sagen, dass sich auch niemand vom bürokratischen Wahnsinn, welchen der Erasmusaufenthalt mit sich bringt, abschrecken lassen soll. Auch wenn man das Gefühl hat, dass es keinen wirklichen Ansprechpartner gibt weil sich niemand auszukennen scheint, ist das alles halb so schlimm und auch die Kursanrechnung verläuft einfacher als befürchtet. Man sollte aber definitiv vor Antritt des Semesters abklären, welche Kurse der UEA man sich für welche Kurse hier anrechnen lassen kann, und auch bei der Fachdidaktik nicht locker lassen.

 

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