Erasmussemester an der Tampere University

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Ein Erfahrungsbericht von Eva-Maria Sallinger aus dem WS 2019/20

Finnland! Ist es dort nicht unglaublich kalt? Finnland im Wintersemester?! Da sitzt du doch nur im Dunkeln! Zumindest wirst du Zeit zum Lernen haben, denn für Freizeitbeschäftigungen reicht das Geld in diesem teuren Land nicht aus und die Finnen sollen ja wohl eher verschlossen sein… Außerdem ist Finnisch doch die schwierigste Sprache der Welt, oder nicht?

Solchen pessimistischen Aussagen war ich vor Beginn meines Auslandssemesters an der Tampere University ausgesetzt und habe mich daher für das Schlimmste gewappnet. Ob sich die Befürchtungen bewahrheitet haben, erfährt ihr in diesem Beitrag.

Ich habe mein Auslandssemester im 7. Semester meines Bachelorstudiums Lehramt (Fächer Deutsch und Geschichte) über den FB Geschichte gemacht. Das Wintersemester in Finnland beginnt schon etwas früher, im September, und endet bereits zu Weihnachten. Ich bin kurz vor Unibeginn, am 18.August aufgebrochen und kam am 22.Dezember zurück nach Österreich.

An meinem ersten Tag in Finnland war ich hundemüde von einem langen Anreisetag unterwegs. Umso glücklicher war ich darüber, dass meine Tutorin mich von der Bushaltestelle abholte und zur Unterkunft brachte. Die Schlüssel hatte sie bereits im Vorhinein für mich abgeholt. So musste ich mich um nichts kümmern und die finnische Adresse nicht alleine suchen. Trotz meiner Müdigkeit wollte ich gern den wenige Minuten entfernten See Näsijärvi ansehen und eine kleine Runde spazieren gehen. Als ich dann zurückkam, ließ sich die Tür plötzlich nicht mehr aufsperren. Voller Panik versuchte ich es einige Male und läutete an, in der Hoffnung, dass meine Mitbewohnerin bereits eingetroffen sei. Der Schlüssel hatte doch unten an der Haustür auch funktioniert! In meiner Verwirrung kam ich irgendwann auf die glorreiche Idee, die Hausnummer zu überprüfen. Und siehe da – ich war im falschen Gebäude gelandet. Mein Schlüssel sperrte nicht nur in unserem Haus, sondern auch in den anderen Gebäuden des Wohnkomplexes, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen… 

So hatte ich mein erstes kleines Abenteuer in Tampere bestanden und fand zurück in meine WG. Tags darauf lernte ich auch meine Mitbewohnerin, Ester aus Italien, kennen und verstand mich gleich auf Anhieb mit ihr. Es ist lustig, wie schnell sich Erasmus students in der ersten Zeit zusammenfinden, wenn jeder und jede noch alleine herumirrt und nach Freunden sucht. Kurzerhand planten wir innerhalb einer kleiner Gruppe ErasmusstudentInnen einen Ausflug aufs Land in eine Hütte mit Sauna am See, typisch finnisch. Am liebsten wäre ich jedes Wochenende in einen der Wälder gefahren und hätte dort in einer Hütte geschlafen: spazieren gehen, rudern, Spiele spielen und saunieren sind die Beschäftigungen dort. Einfach gemütlich!
Die Uni begann mit einer besonderen Veranstaltung: Der Welcome Week. Diese machte es uns möglich, sanft in die Uni zu starten und erst einmal alles kennenzulernen. Wie meldet man sich für LVs an? Wie borgt man ein Buch aus? Wo gibt es Studentenrabatte? Wie überlebe ich den finnischen Winter? Von Anfang an hatte ich als Erasmusstudentin das Gefühl, willkommen geheißen und nicht allein gelassen zu werden. Die Lehrenden verhielten sich sehr zuvorkommend und es war zum Beispiel kein Problem, später in einer LV aufzutauchen, sich wieder abzumelden oder Unterstützung beim Studieren zu bekommen. Gelernt oder Arbeiten verfasst habe ich meistens in der Bibliothek, wo es verschiedenste Arten von Räumen und Plätzen gibt. Finnischkenntnisse sind für die meisten Studiengänge nicht nötig, man kann aber einen Finnischkurs besuchen, wenn man sich für die Sprache interessiert. Ich habe eine Ringvorlesung „Finnish Society and Culture“ und mehrere Seminare besucht, wobei nur eines davon auf Englisch war und ich tatsächlich hingehen konnte. Die Kurse sind ähnlich aufgebaut wie die der Uni Salzburg. Es wird sehr viel diskutiert und auf Selbstständigkeit Wert gelegt. 

Wer auch immer die Finnen als „verklemmt“ oder „ablehnend“ bezeichnet, hat wohl nie versucht, sie wirklich kennen zu lernen. Zwar war ich an der Uni und in der WG nur mit ErasmusstudentInnen zusammen, aber ich habe durch Freizeitaktivitäten einige wahnsinnig liebe Finnen kennengelernt. Ein paar Mal war ich mit meiner Tutorin unterwegs und generell gibt es mit Sprachtandems, den Studentenclubs und ESN Möglichkeiten, Finnen kennenzulernen und einen Ausbruch aus der „Erasmus-Bubble“ zu versuchen.

Freizeittechnisch gab es mehr als genug Angebote. Tampere ist eine echte Studentenstadt mit Veranstaltungen rund ums Jahr. Auch wenn man nur für wenige Monate in Finnland studiert, ist die Anschaffung eines (gebrauchten) „student overalls“ Pflicht: Diese Overalls werden nicht nur auf allen Veranstaltungen getragen und schützen am Heimweg vor dem kalten finnischen Wetter, sie zeigen durch Farbe und Aufnäher auch sofort, was die TrägerInnen studieren und wofür sie sich interessieren. Doch nicht nur in Tampere, auch außerhalb gibt es viel zu entdecken. 
Eines meiner Highlights war die Reise nach Lappland gegen Ende des Aufenthalts in die wunderschönen, menschenleeren Natur des Nordens. 
Lapplands Landschaft trägt eine Schönheit, die man mit Worten schwer beschreiben kann. Im Winter ist alles in meterhohe Schichten von Schnee gehüllt, die dann zwei Stunden am Tag in goldenes Licht getaucht sind und den Eindruck einer Fantasy-Welt vermitteln.

Ich denke immer gern an die Momente in Finnland zurück, an die kleinen Feiern in unserer WG, an die Abende in finnischen Wäldern und Hütten, an die wunderschönen Sonnenuntergänge am See und sogar an die regnerischen Tage an der Uni oder an den Abend, an dem ich mein Handy in Lappland im Schnee verloren habe. Hoffentlich konnte ich euch durch diesen Beitrag einen Eindruck von meinem Auslandssemester vermitteln und verdeutlichen, dass ich trotz der skeptischen Fragen keinen Augenblick bereut habe, nach Finnland gegangen zu sein.

Weitere Infos zu einem Erasmus-Aufenthalt in Tampere

Anreise

Es gibt günstige Direktflüge verschiedener Airlines ab Wien und ab München und Umsteigeverbindungen. Eine leistbare Alternative ohne Flug habe ich leider nicht gefunden.

Die Uni

An meiner Uni, der Tampere University, studieren etwa 20.000 StudentInnen an verschiedenen Fachbereichen. Da 2018 die vorher getrennte University of Tampere mit der Tampere University of Technology zusammengelegt wurde, herrschte etwas Chaos am Campus und manchmal wussten die Lehrenden selbst nicht, wie Dinge genau funktionieren. Wir hatten aber eine wirklich umfassende und toll organisierte Welcome Week, in der man alle Infos zum Studium in Tampere, zum Wohnen, zum Verkehr, zu Freizeitbeschäftigungen usw. bekam. Das Lehrangebot auf Englisch ist je nach Fach sehr gut bis eher mau. Außer mir war nur eine weitere Geschichtestudentin im WS 2019 in Tampere, während sehr viele Business Students in Tampere waren. Meine Uni-Erfahrung war aber trotzdem gut, wenn nicht sogar besser. Unsere International Tutors haben uns großartig unterstützt und zu allen möglichen Events eingeladen und auch die ProfessorInnen waren bemüht, uns viele Möglichkeiten zum Absolvieren von LVs zu geben. Ich durfte daher z.B. an einer Doktoranden-Tagung teilnehmen und eine Arbeit darüber schreiben. Self-organised-study wird an der Uni Tampere großgeschrieben und es gibt wirklich wahnsinnig viele Möglichkeiten, um ECTS zu gewinnen, wenn das Lehrangebot in einem Semester und Fach gerade schlechter ist.
In meinem Fall war es durch die wenigen englischsprachigen Kurse so, dass ich nur zwei Mal pro Woche an die Uni musste und mir die Zeit großteils selbst einteilen konnte. Die Prüfungen und Bewertungen empfand ich als fair und nicht sonderlich streng. Bevor man das Semester in Tampere startet, sollte man nachfragen, an welchem Campus man studiert, da der Campus der Technischen Uni und die dazugehörigen Wohnhäuser etwas außerhalb der Stadt liegen.

In fast allen Gebäuden gibt es eine große, schöne Mensa mit mindestens zwei verschiedenen Tagesmenüs vom Buffet für unglaubliche 2,60 inklusive Salat! Glutenfreie und vegetarische Varianten stehen immer zur Auswahl. Um weniger als 100 Euro im Semester kann man das Uni-Fitnesscenter nutzen, da bei mir im Gebäude aber ein Fitnessraum war, habe ich das nicht gemacht. Positiv hervorzuheben sind auch die vielen 24/7 Study Rooms (Uni Salzburg, lerne!) und der Fakt, dass man Kaffee und Essen zum Lernen in die Bib mitnehmen darf. Generell ist die Uni raumtechnisch sehr gut ausgestattet und man findet sich auch schnell zurecht. Woran ich mich nicht anpassen konnte, war das Duzen der Lehrenden, ich bin es einfach anders gewohnt 😀

Wohnen

Der größte Wohnanbieter ist TOAS, wo für internationale Studierende möblierte Zimmer in WGs und Studentenheimen angeboten werden. Es gibt einige Wohnmöglichkeiten und wer früh genug dran ist, kann gut nach den persönlichen Präferenzen (Heimzimmer, WG, Innenstadt, außerhalb,…) auswählen.
Darüber hinaus gibt es andere Anbieter, ich würde dazu raten, sich bei einem von ihnen zu bewerben, da die Wohnungen und Zimmer am privaten Markt viel teurer sind. Ich habe im Stadtviertel Lapinniemi in einer geräumigen Zweier-WG um ca. 360 Euro im Monat gewohnt. Besonderes Extra: Einmal pro Woche kann man kostenlos die Sauna für BewohnerInnen reservieren.

Mobilität

Manche der Erasmus-Studierenden haben sich ein gebrauchtes Fahrrad besorgt, das ging meines Wissens nach ohne Probleme. Die meisten waren aber mit dem Bus unterwegs, wofür man eine Monatskarte um 30 Euro bekommt. Da die Innenstadt nicht so groß ist, kann man auch sehr viel zu Fuß gehen. Die Züge und Busse in Finnland sind sehr preiswert, um in manche Nationalparks oder entlegene Gegenden zu kommen, sollte man aber überlegen, ein Auto zu mieten (oder sich Freunde mit Auto suchen). Fun Fact: Damit ein Bus in Finnland stehenbleibt, muss man winken, ansonsten gehen die Fahrer davon aus, dass man nicht mitfahren will. 

Freizeit

Ganz am Anfang war ich gleich mal bei einer Veranstaltung unserer Student Association aus Geschichte dabei. Es gibt viele Events für Studis, etwa die ESN-Veranstaltungen und Trips in verschiedene Städte und Regionen. Ich bin mit ESN Fint auf einem Party Boot nach Stockholm und selbst organisiert nach St. Petersburg (40 Euro für die Anreise mit dem Bus!) und Tallinn gereist. Der schönste Ausflug ging in den Norden nach Lappland. Rückblickend würde ich noch viel mehr Zeit dort verbringen.

Nicht nur ESN, sondern auch die Studentenclubs bieten viele Veranstaltungen an: Schnitzeljagden, Feiern, Spiele, Grillabende, Pub Crawls, … Dort trägt man meist den farbigen Student-Overall und meist wird auch einiges an Alkohol konsumiert. Für ErasmusstudentInnen in Finnland ist der Besuch eines SitSits ein absolutes Muss. Bei einem SitSit geht es wild zu: Es wird gesungen, geklatscht, geschrien, getrunken, gegessen und es werden Spiele gespielt. Bei den Veranstaltungen werden Patches, also Aufnäher, gesammelt, die dann an den Overall genäht werden.

Was den Sport angeht, gab es zusätzlich zum Outdoor-Sport über die Uni einige Möglichkeiten. In die Volleyball- und Fußballteams werden internationale Studierende offen aufgenommen und nimmt man das Angebot des Sportzentrums an, kann man manche Kurse zusätzlich zum Fitnesscenter gratis besuchen. Am besten hat mir gefallen, dass die Waldwege teilweise nachts beleuchtet waren, so dass man auch nach Einbruch der Dunkelheit noch gut spazieren oder joggen gehen konnte.

Nachtleben/Pubs, Diskos und Bars: Wer gerne ein oder zwei Bier trinkt, wird in Tampere bestimmt fündig. Es gibt Studentenrabatte, mit denen man sich die Getränke auch leisten kann und keine sieben Euro für ein Bier bezahlen muss. In der Disko war ich nur wenige Male, das ist auch etwas teurer, aber dafür ist für jeden Musikgeschmack etwas dabei. Viele weichen, anstatt in Clubs zu gehen, auf Hauspartys aus. Eine lustige finnische Besonderheit ist das geduldige Anstehen in Schlangen für Tickets oder am Einlass. Es geht dabei geordneter zu, als man sich das in Österreich je vorstellen könnte.

Da ich wirklich sehr viel Freizeit neben der Uni hatte, habe ich mich noch für einen Improvisationstheater-Kurs und den Unichor angemeldet, was eine gute Entscheidung war, da ich so einige Finnen kennengelernt habe. z.B. war ich für ein Wochenende mit dem Chor in einer Waldhütte, wo wir neben den Proben in die Sauna mitten im Wald gingen und sogar Nordlichter sehen konnten. Das Weihnachtskonzert bildete einen schönen Abschluss meines Semesters und es kamen einige Kollegen aus dem Impro-Kurs, um zuzusehen. Wir bekamen sogar die Chance, als internationales Quartett aufzutreten und das deutschsprachige Weihnachtslied „Maria durch ein Dornwald ging“ vorzutragen.

Die Sprache

Ja, Finnisch ist sehr schwer, aber jede/r in Finnland kann Englisch und wer ein paar Worte Finnisch spricht, wird gleich dafür bewundert. An der Uni werden kostenlose Sprachkurse verschiedener Schwierigkeitsgrade angeboten. Als Sprachstudentin war es für mich spannend, einen Einblick in das Sprachsystem zu bekommen, das sehr logisch aufgebaut ist. Die Aussprache fällt ebenfalls leicht, nur das Vokabellernen kann etwas frustrierend sein.

Einige Wörter: „Hei!“ (Grüß Gott/Höfliche Anrede) „Moi!“ (Hallo!), „Moi Moi!“ (Tschüss), „mökki” (in Zucker gewälzter Donut), „sauna“, „kiitos“ (Danke!)

Die Stadt Tampere

Tampere, eine der größten Städte Finnlands mit ca. 227.000 EW, liegt zwischen zwei Seen etwa 1,5 Stunden nordwestlich von Helsinki und damit noch im südlicheren Teil des Landes.
Wer nach Finnland geht, sollte keine historischen Gebäude erwarten. In Tampere gibt es teilweise noch bunte traditionelle Holzhäuser und die Innenstadt mit schönen Ziegelgebäuden aus der Zeit der Industrialisierung (Tampere wird auch gerne „Manchester des Nordens“ genannt). Die „Altstadt“ ist aber nicht mit Salzburg oder anderen mitteleuropäischen Städten zu vergleichen.
Dafür ist die Stadt reich an Kultur- und Freizeitangeboten (auch auf Englisch). Bars, Restaurants und Cafés sind eher teuer, es gibt aber oft Angebote für Studierende. Im Sommer und Herbst hat der Vergnügungspark geöffnet.

Die Sehenswürdigkeiten sind in einem halben Tag besichtigt, an die Seen kehrt man aber immer wieder gerne zurück, ob im Sommer, wenn man baden und Kajak fahren kann, oder im Winter, wo der See nach der Sauna erfrischend kalt ist. Generell ist es nicht übertrieben zu sagen, dass die meisten Finnen nach „ihrer“ Sauna verrückt sind. Eigentlich hätte ich erwartet, dass der See im Winter zufriert, doch durch den Klimawandel ist das mittlerweile sogar in Finnland selten. 

Spartipps: Zum Lebensmittel kaufen gehen viele StudentInnen zu Lidl, weil dort alles vergleichsweise etwas günstiger ist als in anderen Läden. Für Kleidung würde ich definitiv die vielen Secondhand-Läden gehen, bei denen man mit etwas Glück immer etwas Schönes findet. ESN bietet Survival kits an (Küchensets, Bettwäsche), die man sich für eine kleine Gebühr ausleihen kann. Da alle internationalen Studierenden einen Tutor oder eine Tutorin zugeteilt bekommen, kann man diese super um weitere Tipps bitten, was das Leben in Tampere angeht.

Anrechnungen und Bürokratie

Wenn die Anrechnungen am Learning Agreement unterschrieben wurden, müssen sie auch angerechnet werden und das ging bei mir ohne Probleme. Seitens der beiden Unis gab es einige Personen, die mich sehr unterstützt und mir geholfen haben. Die investierte Zeit ist der Aufenthalt außerdem natürlich wert! Macht euch trotzdem auf einiges gefasst, was den bürokratischen Aufwand des Auslandsaufenthalts angeht. Es wäre trotzdem schön, wenn sich Wege und Möglichkeiten ergeben würden, die Organisation des Studiums im Ausland studierendenfreundlicher zu ermöglichen (Stichwort: alle Dokumente im Original, keine Scans erlaubt, mehrere Learning Agreements für Lehramtsstudierende, …).

Alles in allem

war die Zeit in Finnland wunderschön und ich möchte sie um keinen Preis missen