Erasmus in Faro während Corona (Primarstufe)

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Ein Bericht von Sanela Mahic, Sommersemester 2020

Im Sommersemester 2020 durfte ich an der Universidade do Algarve in Faro studieren. Das Semester begann am 3. Februar, einige Tage davor kam ich in Faro an, nachdem ich kurz davor noch meine Seminararbeiten für meinen Abschluss in Salzburg niederschrieb. Nach stressigem Anfang und einigen Pastel de Natas konnte ich nun endlich die Sonne genießen.

Alles schön und gut, das International Office war äußerst freundlich, aber warf mich, ohne zu zögern, in das kalte Wasser namens Uni, welches nur wenig mit der Pädagogischen Hochschule zu vergleichen ist. Von dem Ort, an dem jeder meinen Namen kennt, zu einem Platz, wo portugiesisch gesprochen wird. Und zwar nicht nur privat, auch in den Kursen. Ich fand mich in einer prekären Situation wieder, scheinbar war ich eine der einzigen Erasmus-Studentinnen aus einem nicht portugiesisch-sprechendem Land. Perfeito. Von Heimweh geplagt, weigerte ich mich aufzugeben, auch wenn meine Anwesenheit in den Vorlesungen hauptsächlich aus Kritzeleien und Tagträumereien bestanden. Langsam, aber sicher, besuchte ich den Portugiesisch-Kurs, der von der Organisation beinahe so professionell war, wie unser Kaphee zwischen 11 und 13 Uhr. Ich mache euch keine großen Versprechen, mein portugiesisch ist an diesem Punkt vergleichbar mit dem, eines 3-Jahre-alten Kleinkindes. Zwischen Verzweiflung und Auseinandersetzungen mit den Professorinnen wegen meiner Sprachbarriere fand ich trotz allem eine Konstante: Das Nachtleben in Faro.

Faro ist ein kleiner Ort im Süden Portugals. Mit etwa 70.000 EinwohnerInnen ist Faro eine bescheidene Hafenstadt. Für die EinwohnerInnen ist es nicht einfach, schlechte Bezahlung und kleine Unternehmen, die ums Überleben kämpfen, gehören hier zum Alltag. Das einzige, das sich ändert, sind die Erasmus-Studentinnen. Die Stadt lebt definitiv davon, sowohl die Lokale als auch die portugiesischen Gigolos, die auf der Pirsch sind. Spaß bei Seite, auch wenn Faro tagsüber so gut wie ausgestorben wirkt, boomt sie während der Nacht. Eine große Auswahl an Lokalen, ob Tanz-, Alternativ- oder Irish – hier findet man alles was das Herz begehrt. Und damit meine ich: Bier um 1,50€. Also tat ich das, was mir jeder Erasmus-Student riet: Ich feierte meine Sorgen weg. Ganze eineinhalb Monate zwischen Uni- und Nightlife traf mich die nächste Bombe, die mein Erasmussemester unvergesslich machen würde. Corona. Um ehrlich zu sein, war dies in meiner Situation gar nicht mal so schlecht. In den Online-Kursen konnte ich die Powerpoints der Professorinnen screenshotten und anschließend mit Google-Translate übersetzen, um sie für mich verständlich zu machen. Generell schenkten mir die Lehrkräfte wenig Beachtung. Ich war ein österreichischer Geist in den Zoom-Calls, Mitarbeit war hier nicht gefragt. Für mich galt: Hauptsache durch. 

Portugal nahm die Covid-Krise mehr als ernst, der Lockdown begann Mitte März, die Straßen waren wie leergefegt und auch die Lokale sahen sich gezwungen, zu schließen. Eine dunkle Zeit für die einen, ein entspannter Urlaub für mich. Rückblickend kann ich sagen, dass ich während dieses Semesters wohl mehr über Kochen und Teenage-Dramas gelernt habe, als über Pädagogik. Auch der Strand war während der Quarantäne tabu. Trotz allem bereue ich es nicht, in dieser Situation hier geblieben zu sein. Zu Beginn des Notstands zählte Österreich mehr Fälle als Portugal, ich wurde aufgefordert nachhause zu kommen – doch das Transportrisiko, dem ich ausgesetzt sein würde, galt für mich als Argument, hier zu bleiben – und natürlich meine Freunde und das Wetter. Das, was ich von der Uni mitbekommen habe, schien interessant zu sein. Leider gab es dahingehend kein bereitgestelltes englisches Material und da war ich, unter 40 portugiesisch-sprechenden Studentinnen im Zoomcall. Für mich gab es ein Ziel: Herauszufinden, was ich tun muss, um dieses Semester halbwegs positiv abzuschließen. Deswegen schrieb ich E-Mails bis zum abwinken und glücklicherweise versicherten mir alle Lehrkräfte, dass meine Abschlussarbeiten auf Englisch abzugeben sind. Also begann ich in der zweiten Hälfte der Quarantäne meine Checkliste vorzubereiten, mir Wissen anzueignen und das zu erreichen, was von mir gefordert wird. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass es mich manchmal nicht an den Rand der Verzweiflung gebracht habe. Die Angst, dass die Entscheidung hier zu bleiben, eventuell die falsche gewesen sei verunsicherte mich. Außerdem plagte mich mein innerer Schweinehund, wie auch in Salzburg, nur diesmal sprach er portugiesisch. Aber all das bringt dich zur unausweichlichen Einsicht: Es einfach versuchen, so gut man kann. Und das tat ich, ich schrieb über Kommunikationstheorien, Soziologie, Lernschwächen und Entwicklungsbeeinträchtigungen und scheinbar genügte es allen Lehrkräften und sie segneten mich mit einem positiven Punktestand ab. Inzwischen kenne ich auch einige Studierende, die permanent hier sind. Von ihnen weiß ich, dass die Ausbildung in Faro in ihren Worten „speziell“ ist. Was ich beobachten konnte sind endlose Monologe, viel theoretisches Wissen und einige verrückte Persönlichkeiten als Lehrkräfte. Es machte mir klar, dass die Ausbildung an der PH Salzburg in vielen Aspekten privilegiert ist. Darüber bin ich froh. 

Auch der Black Lives Matter Protest war ein unvergessliches Erlebnis. Friedlich, inspirierend und motiviert marschierten wir von der Hochschule zur Marina – ein Weg die Bewegung in einem anderen Land zu unterstützen. Besonders hier ist dieses Thema politisch präsent und die junge portugiesische Welle setzt sich um jeden Preis für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ein.

Für mich ist eines klar, obwohl ich in einigen Wochen wieder in das kontinentale Österreich zurückkehre, ist Faro eines meiner Heimatorte geworden. Sowohl Freunde, Bekannte, als auch Bar- und Cafébesitzer, die mich jedes Mal mit offenen Armen empfangen (natürlich mit MNS), wurden hier zu Familie und ich plane bereits meinen nächsten Lebensabschnitt, den ich hier verbringen kann. Portugiesisch ist wohl eine der kompliziertesten, aber auch schönsten Sprachen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte. Bis zum nächsten Mal, will ich zumindest das Sprachlevel einer 10-jährigen Volksschülerin erreichen. Abschließend kann ich wohl nur sagen, dass ich mich auf die Rückkehr nach Salzburg freue, aber auch, Portugal in Zukunft besser kennenzulernen und es mir als Zuhause anzueignen. In anderen Worten: Estou em pulgas!