Warum Politik & Hochschule trotz Lehrermangel nicht handeln

0
1056

Ein Meinungsartikel:
Die Semesterferien haben begonnen, die Schulferien stehen vor der Tür und erneut befinden wir uns in einer großen Diskussion um den Lehrermangel. Besonders spannend sind dabei aber auch die Kommentarspalten auf Social Media, sowie angebliche Experten, die abenteuerliche Erklärungen für die Situation liefern. Daher gibt es zum Semesterferienanfang noch einen kleinen Artikel, was sich in der öffentlichen Debatte gerade so tut und warum es ein Kampf gegen Windmühlen ist, da sich immer (!) noch keine Lösung in Politik und Hochschule abzeichnet.

  1. Gegenstimmen mit “Aber ich spüre noch keinen Mangel”
    Ach, wie hasse ich anekdotische Evidenz. Die letzten 2 Jahre hat das Unsinn-Argument uns schon bei Corona verfolgt: ‘Ich hatte noch kein Corona, daher gibt es kein Corona’… was für ein Unsinn. Der Lehrermangel drückt sich differenziert aus… nicht in allen Fächern, nicht in allen Schulen, nicht in allen Schulen in jedem Jahr, Land-Stadt-differenziert. Klar, die prestigeträchtige Wunsch-AHS mit vielen Bewerbern hat vielleicht keinen Mangel, aber das widerlegt nicht die klare Mathematik der Gesamtsituation. Wir haben das hier schonmal sehr genau aufgeschlüsselt und mit Zahlen belegt.
  2. “Die gestiegene Studiendauer ist gar nicht Schuld”
    Klar ist eine monokausale Zuschreibung in einer komplexen Welt niemals die ganze Wahrheit. Aber: Pensionierungen der Baby-Boomer-Generation waren seit Jahrzehnten absehbar, den Rückgang der Studierendenzahlen konnte man zwar vielleicht nicht prognostizieren aber in Echtzeit beobachten. Seit der Studienreform 2014 sind 8 Jahre und viele Regierungen/Minister ins Land gezogen und niemand hat irgendwas dagegen getan – wem soll man nun die genaue Schuld für das Nicht-Handeln geben? Nur weil wir einem Zugunglück in Zeitlupe zuschauen mussten und über fast ein Jahrzehnt ständig Warnungen in den Wind geschlagen wurden, ändert das aber nichts am Outcome. Und die einzige Lösung ist eine sofortige Verkürzung des Lehramtsstudiums, selbst wenn viele Faktoren in der Vergangenheit uns in diese Situation gebracht haben. Die Verlängerung der Studienzeit hatte am Ende trotzdem den größten strukturellen Einfluss auf die heutige Situation, weil es viele Studierende vom Lehramtsstudium verschreckt hat. Und alle Entwicklungen waren schon lange sichtbar und messbar, wenn man hingeschaut hätte.
  3. “Die Uni macht schon, was in ihrer Macht steht”
    Falsch, einfach falsch. Längst wäre es gesetzlich möglich, den Master in der Sekundarstufe auf 3 Semester zu kürzen. Das wäre wenigstens ein Semester Verkürzung und würde den Master weit berufskompatibler machen (1 Semester ist rechnerisch ja zusätzlich schon für Masterarbeit und Masterprüfung vorgesehen, sodass “nur” 2 Semester inhaltliche LVen übrig bleiben würden). Die STV hat bereits vor Jahren ein fertiges Konzept dafür vorgelegt – es ist also möglich und wäre sehr schnell umsetzbar.
    Stichwort ‘Berufsbegleitendes Studium’: solange wir uns nicht mal eine klare Definition von ‘berufsbegleitend’ an der Uni einigen können (Fachhochschulen machen das ja erst seit Jahrzehnten erfolgreich: Studium von Freitag nachmittag bis Sonntag abend, der Rest digital und asynchron) brauchen wir nicht groß darüber reden. Beim Thema Anwesenheitspflicht hält man weiterhin an der unsinnigen “80% – egal ob 1. Semester Bachelor oder 4. Semester Master” Regel fest, obwohl Anwesenheitspflicht gar nicht gesetzlich verankert oder verpflichtend sein müsste. Nach Corona drehen wir bedingungslos auf Präsenzlehre zurück – Abweichungen sind nicht mehr groß erwünscht oder ermutigt. Studienbeitragserlass durch Berufstätigkeit z.B. im Schuldienst ist immer noch nicht wieder im Gesetz oder an der Uni verankert.
    Nein, die Uni tut keinesfalls ihr Bestes und alles in ihrer Macht stehende. Do not Bullshit us, do not Bullshit the public, do not Bullshit yourself! Sich als Hochschule gleichzeitig öffentlich auf den Lorbeeren von einigen wenigen Lehrenden auszuruhen, die ‘das Richtige’ tun und das Rad der Fernlehre und asynchronen Lehre eben nicht vollständig zurückdrehen – auch gegen Widerstände der Hochschule – ist hingegen einfach nur unehrlich.
  4. “Quereinsteiger werden es richten”
    Lieber Minister, weißt du eigentlich, was du da redest und wie du langfristig dem Lehramt damit schadest? Ich bin mir unklar, ob hier die Verzweiflung oder echte Kurzsichtigkeit spricht. Wenn ein einfaches Fachstudium und 3 Jahre Büroarbeit irgendwo tatsächlich für das Lehrerdasein qualifiziert, warum tun wir uns den ganzen Quatsch mit 6-jährigem Studium und 2 Fächern eigentlich an? Warum Praktika und Bildungswissenschaften, warum Fachdidaktik und Reflexionszwang – 6 Jahre lang?
    Und wen wird man damit anziehen? Den erfolgreichen Diplom-Chemiker, der locker 5-stellig in der freien Wirtschaft pro Monat verdienen kann? Den Physiker, der in der freien Wirtschaft freie Wahl des Arbeitsplatzes hat? Irgendwie bezweifle ich, dass diese Maßnahme genau in den Mangelfächern wirklich helfen wird.
    Und was dann? Was ist die langfristige Perspektive? Wir haben dann formal unterqualifizierte Leute, mit Unterrichtsbefähigung in nur einem Unterrichtsfach langfristig im System. Neben Personen in altem und neuem Dienstrecht, neben 3-jähriger NMS Ausbildung alt, 4,5-jähriger Diplomausbildung alt, 6-jährigem BEd. und MEd. Absolventen? Neben Upgrade-Studien (für 3-jährige PH-Absolventen), Erweiterungsstudium, Berufspädogik, regulärem Studium bauen wir also jetzt noch ein weiteres Modell?
    Hier muss die Verzweiflung sprechen, denn was hier an Schaden und langfristigem Chaos schon wieder angerichtet wird, ist unerträglich.
  5. “Frühere Berufspraxis ist doch eh gut, warum soll Arbeiten während des Studiums schlecht sein”
    Das Studium ist ein Vollzeitstudium und der Bachelor sollte und soll auch nicht zum berufsbegleitenden Studium werden. Leute früh an die Schule zu schicken, im Zweifel zu überfordern in einem personell bereits ausgetrockneten Schulsystem ohne Begleitung, die Chance auf Studienfortschritt der Leidensfähigkeit von Studierenden zu überlassen und bereits nach einem Studienjahr Vollzeitverträge (aber dafür immer schön mit Lohnabschlägen, weil Leistung sich dort zumindest scheinbar doch nicht lohnt?) auszustellen ist nicht die gesunde Art von “Berufspraxis”. Das mag zwar Löcher jetzt und heute stopfen, aber wird garantiert einige vergraulen: Leute vergraulen, die dem Schulsystem nach dem Studium den Rücken kehren, die das Studium ganz abbrechen, die anderen von einem Lehramtsstudium aktiv abraten. Und dann ist da ja noch die Uni: solange Anerkennungen von Berufspraxis so restriktiv gehandhabt werden, wird man für Berufspraxis sogar bestraft, denn Schulpraktika (vormittags) gehen sich garantiert nicht mit Arbeit an einer Schule (vormittags) aus.
    Und im ersten Berufsjahr? Da gibt es zu Arbeit und Studium auch noch Zusatzkurse in der Induktionsphase obendrauf – für eine nette Dreifachbelastung.
  6. Und warum tut die Politik nichts?
    Ich kann diesem Artikel im Standard nur zustimmen: das plötzliche geschäftige ‘Herumwurschteln’ hat leider System; es wirkt geschäftig, gut fürs Selbst-Image, es sieht nach ‘Macher’ aus; ganz egal ob es sich um lange verschleppte und komplett vorhersagbare Probleme handelt. Die langfristig vollkommen schädliche Quereinsteiger-Lösung, plötzlich das Image des Lehrerberufs über eine Werbekampagne aufzumöbeln… dann kann man wieder abwarten und Leute auf das baldige ‘Wirken der Maßnahmen’ vertrösten. Genauso wie eine vor 2 Jahren in Auftrag gegebene Evaluierung der bisherigen Reformen seither sehr erfolgreich benutzt wird, um jede Reform der Induktionsphase und des Studiensystems vom Tisch zu wischen – denn die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Das schützt vor diskussionsintensiven echten Reformen – wie einer Studienzeitverkürzung, einem berufsbegleitenden digitalen Studienmodell.
    Wir wissen, dass es offene Ohren für unsere Vorschläge gibt und wir sind denjenigen in Institutionen und Politik dankbar – ihr seid hier nicht mitgemeint. Aber ihr wisst von den obigen Strategien mancher Verantwortlicher ja selbst gut genug.

Verdammt, ist das manchmal frustrierend. So viele Gespräche beginnen mit ‘virtue signaling’, mit einem ‘bitte wissen Sie, wir wollen nur das Beste für die Studierenden’, nur um damit dann Nichts-Tun und utopische angebliche Qualitätsvorstellungen in einem schon zusammenbrechenden System hochzuhalten als reine Nebelgranate für ein reaktionäres ‘es bleibt alles so wie es ist, denn so wie es immer war, ist es gut’. Wir bewerben als STV genau deshalb keine Stellenausschreibungen von Schulen: wir wollen aktuell, solange die Situation so ist, niemanden in ein mit dem Studium inkompatibles rücksichtsloses System drängen oder diese Option bewerben. Das Schulsystem kümmert sich nicht um euren Studienfortschritt, oder dass ihr dann Studiengebühren zahlen müsst, obwohl ihr der Gesellschaft einen großen Gefallen getan habt. Die Frist für den Masterabschluss nach erstem Dienstvertrag liegt ebenfalls alleine bei euch, und niemand wird euch die Doppelbelastung je danken (abseits vielleicht von Lohnabzügen beim Sondervertrag LOL).


Food for thought: je weniger sich als willige Gehilfen und billiges Füllmaterial für systematische Löcher im Schulsystem zu früh ausbrennen lassen, desto schneller wird sich etwas grundlegend ändern. Je weniger zu früh vom System gefressen werden, desto weniger kann das System mit einem trotzigen ‘was denn, es geht ja noch irgendwie’ die Leute zerkaut irgendwann wieder ausspucken. Desto schneller kann man die Lohnungleichheit bei Sonderverträgen, die zu lange Studiendauer, digitale und berufsbegleitende Studienmodelle, bessere Ausschreibungsverfahren von Stellen, eine Abschaffung von fachfremden Unterrichten, Abschaffung von schädlichen Quereinsteiger-Modellen, frühere Entfristung von Dienstverträgen, Rückerstattung von Studiengebühren und vieles mehr wirklich angehen, fordern und mit Druck erzwingen. Je mehr Druck im System ist, desto sorgfältiger und rücksichtsvoller wird künftig mit euch umgegangen, desto mehr wird man euch künftig entgegenkommen. Ansonsten sind wir nichts anderes als nur ein weiterer Grund in dieser Liste, warum sich in Politik & Hochschule nichts ändert.